Wut – eine notwendige Emotion

Sind Sie manchmal wütend? So wütend, dass Sie es jemandem mal so richtig heimzahlen wollen?

Nein!!!! Ich doch nicht!!!!, denken Sie vielleicht jetzt. So etwas macht man doch nicht. Man ist nicht wütend. Das haben uns unsere Eltern schon gelehrt. Und in der Schule gab es bei Trotz oder Zorn zu meiner Zeit sogar noch Schläge. Man macht so was mit sich selber ab. Frisst es am besten in sich rein. Aber wo bleibt es dann? Was richtet es nach dem Reinfressen in uns an? Lagert sich die Wut vielleicht irgendwo ab? Was passiert da kurz- und langfristig?

Ich schreibe hier einige Gedanken zu diesem aus meiner Sicht so wichtigen Thema.

Was macht denn die Wut zu einem so unangenehmen Thema? Die Meisten denken da vielleicht an ein kleines Kind, das sich verweigert und störrisch und zornig mit dem Fuß aufstampft. Mit so einem Kind ist nicht mehr zu reden. Man lässt es am besten in Ruhe und wartet bis der Wutanfall vorüber ist.

Die Transaktionsanalyse beschreibt so etwas mit dem Begriff „Trotziges Kind-Ich“. Das ist sicher nicht einfach für die Eltern, da richtig zu reagieren.

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Aber was passiert in solchen Situationen wirklich zwischen dem trotzigen Kind und seinen Mitmenschen? Das Kind entwickelt sich von einem abhängigen kleinen Menschen, zu einem Menschen, der immer eigenständiger wird. Das muss so sein. Sonst wäre es krank. Das Kind entwickelt seine Persönlichkeit und grenzt sich von anderen Menschen ab. Es steckt eine Grenze und entscheidet, da darf niemand drüber treten. „Sonst werde ich wütend und verteidige mich!“

Auf der anderen Seite erfährt das Kind, dass auch andere Menschen ihre Grenzen gesteckt haben und es nicht besonders schätzen, wenn andere da einfach drüber tapsen. Das Kind lernt, ja es muss lernen, dass es wichtig ist solche Grenzen selber zu zeigen, bei anderen zu respektieren und dass es Fälle gibt, in denen es zu einer Auseinandersetzung und Klärung kommt und diese Klärung am Besten so abläuft, dass keiner sein Gesicht verliert. Und es muss auch lernen und akzeptieren, dass es Situationen gibt, in denen es besser nachgibt und einsieht, dass der andere stärker ist. Es ist besser am Straßenrand zu warten und erst nach der Vorbeifahrt der Dampfwalze die Fahrbahn überqueren. Auch wenn man es noch so eilig hat. Nicht jedes Nachgeben endet in einer seelischen Katastrophe.

Ich halte viel von Klärung, Überzeugung und Einsicht. Das erfordert von allen Beteiligten viel Mut, sozialen Mut, Bereitschaft, Argumente zu prüfen, abzuwägen und Einsicht zu zeigen. Keinesfalls braucht es Rechthaber, Schulmeister und Besserwisser. Solche Menschen sind auch im erwachsenen Alter noch trotzige Kinder. Trotz halte ich bei kleinen Kindern noch für vertretbar. Sie können noch nicht besonders gut argumentieren und wären sonst den Erwachsenen bei Meinungsverschiedenheiten ja ständig unterlegen. Aber das muss sich im Laufe der Jahre, mit zunehmender Reife, immer mehr in Richtung einer zivilisierten Auseinandersetzung durch Worte verändern. Ein Kind hat noch nicht die soziale Kompetenz eines Absolventen der Soziologie und greift auf die Mittel zurück, die es hat. Anfangs ist das Trotz und Zorn. Später wandelt es sich (hoffentlich) zu sozial verträglicheren Methoden. Gewalt geht für mich gar nicht, erst recht nicht bei Erwachsenen. Und schon gar nicht gegenüber Kindern.

Wut ist so wichtig. „Wenn man der Wut den kindlichen, trotzigen Anteil nimmt, bleibt reine Kraft“, sagte einmal ein Ausbilder von mir (Danke, Georg Schobert). Wut ist also ein wichtiger Antrieb, auch gegen Widerstände von anderen etwas zu schaffen, seinen eigenen Weg zu gehen. Eben nicht zu zweifeln und es den Bedenkenträgern mal so richtig zu zeigen. Nicht mit negativen Worten oder Taten, sondern durch eigene Anstrengung und Erfolge.

Der andere Teil, der mit der Abgrenzung zu tun hat, ist aber genau so wichtig. Es geht einfach nicht, dass die Schwiegermutter zum zehnten Mal fragt ob man denn wirklich meint, dass es reicht die Fenster nur alle vier Wochen zu putzen. Was denken denn da die Nachbarn? Also, ich würde mich schämen“. Ich merke schon beim Schreiben dieser Worte, wie die Wut in mir aufsteigt und da gilt es ganz klar eine Grenze zu ziehen und deutlich zu machen, dass das die Schwiegermutter überhaupt nichts angeht. Dass sie besser ihren Mund hält und sich um ihre eigenen Fenster kümmert. So etwas muss nicht gleich mit einem Rauswurf derselben enden, kann aber bei entsprechender Penetranz durchaus dazu führen. Ihre eigenen Fenster darf die Schwiegermutter selbstverständlich gerne täglich putzen.

Wenn man sich solche oder ähnliche Grenzverletzungen unwidersprochen des Öfteren antun lässt, dann hat das Konsequenzen. Man wirkt zwar friedlich und brav aber innerlich kocht und brodelt es doch. Der Selbstwert und die Achtung, die man vor sich selber hat, nehmen doch bei jedem neuen Mal weiter ab. Und letztlich richtet man ja die Wut gegen sich selbst, weil man sich insgeheim ärgert, wieder einmal das Maul nicht aufgekriegt zu haben. Die Psychologen sind sich heute sicher, dass diese auf einen selber gerichtete Wut eine Ursache für Depressionen ist. Man fühlt sich gegenüber den Grenzverletzungen hilflos, als Opfer. Und wenn man nichts mehr schafft, ist man eben antriebslos und alles wird düster. Das ist aber keine gute Wahl.

Jedes Mal, wenn man eine Grenzüberschreitung einfach herunterschluckt, speichert unser Unterbewusstsein das als Niederlage ab. Das Unterbewusstsein vergisst nichts und irgendwann ist das Fass dann eben übergelaufen. Das hängt von der jeweiligen Persönlichkeit und der Schwere der Grenzüberschreitungen ab.

Der Mensch hat die Wahl. Er kann den Weg des Gefallen-Wollens wählen oder in seine Wut und damit seine Kraft kommen. Andere zu Konfrontieren ist auf Dauer der bessere Weg. Die Umgebung schätzt das sogar. Man wird klarer, greifbarer, berechenbarer. Wut hat für mich erst einmal nichts mit hässlicher Gewalt zu tun, sondern mit Abgrenzung, Klarheit und der Entscheidung zu sich, seiner Meinung, seiner Persönlichkeit, seinen Bedürfnissen und seinen Gefühlen zu stehen.

Wut stärkt das Selbstbewusstsein und formt die Persönlichkeit.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich immer besser positionieren können und keine Angst vor Ihrer Wut haben.

 

Lassen Sie mich an Ihren Erfahrungen mit der Wut teilhaben. Wie stehen Sie zu dem Thema? Ich freue mich auf Ihre E-Mails und Kommentare.